| Erster Segelbericht der "TOINEN VENE" |
Erster Segelbericht einer neugebauten RW 26, Stapellauf Juni 2002Im Juni 2002 lief die "TOINEN VENE", eine RW 26 mit der Baunummer 61, vom Stapel. Ende Mai 2002 verholte ich dieses wunderschöne klassische Boot von der Wefers-Werft in den Eicher See. Dieses idyllische aber kleine Segelrevier liegt auf der Höhe von Darmstadt zwischen Mainz und Worms auf der Westseite des Rheins. Allein schon die Trailerfahrt vom Nettetal nach Eich ist eine Geschichte wert: Ich hatte meine kleine dreijährige Tochter dabei, die immer wieder fragte: "Papa warum fahren wir nicht schneller?" Ich war stur mit 80 km/h unterwegs, wollte auf gar keinen Fall das dieses Prachtexemplar auf dem Trailer ins Schlingern gerät oder gar schlimmeres. Dann auf einem Rastplatz. Wir wollten etwas essen und schließlich hatte meine Tochter Bewegungsdrang - also: Raststätte mit Rutsche im "Vorgarten". Das Boot in Sichtweite - ich schätze die Entfernung zwischen dem Essenstisch und dem Parkplatz auf dem das Fahrzeug stand auf 80 m. Einige Leute gingen vorbei und blieben stehen, kamen näher und schauten sich das Boot genauer an. Meine Tochter raunte eben aus dieser Entfernung: "Das ist unser Boot! Papa, dürfen die das?". Aber die beste Story war dann auf der Weiterfahrt. Ich sah im Rückspiegel hinter dem Boot ein großes Fahrzeug schnell näher kommen - ein Sattelauflieger wie sich bald herausstellte. Das Fahrzeug scherrte nach links um mich zu überholen - wie gesagt fuhr ich stur meine 80 km/h. Und dann zog dieser Laster nicht an mir vorbei. Ich schaute nach links und sah dann hoch ins Führerhaus. Ich bemerkte wie der Beifahrer etwas zu dem Fahrer sagte und mit den Händen gestikulierte. Ich dachte sofort: Ist etwas vom Boot gefallen? Liegt der Mast noch oben drauf? Wäre der Mast runtergefallen, dann hätte ich das doch gemerkt? Aber nein. Der Laster fiel wieder zurück und fuhr dann einige Zeit weiter hinten neben dem Boot her. Ich schaute wieder und sah, wie der Beifahren und der Fahrer nur auf dieses wunderschöne Lärche/Mahagoni-Deck schauten. Na hoffentlich hält der seine Spur. Nach etwa 10 Minuten war der Spuk vorüber. Ich traf gegen 19:30 h im Segelclub Eich ein und... Sie können sich vorstellen wie die Clubkamaraden reagierten als sie das Boot sahen. Dabei hatte ich in der Vorstellungsrunde damals erwähnt, ich würde ein Individualbau mit in den Club bringen, welches auch mit einigem Grinsen beantwortet wurde. Individualbau - das sind doch die Badewannen mit übermäßig hohem Aufbau und Fenster, wie wir diese an unserem Haus im Keller einbauen, oder? Weit gefehlt. Das Boot Bei der RW 26 handelt es sich um Boote, dessen ära eigentlich schon längst zu Ende sein müsste. Die Linien beruhen auf denen aus den 20er-Jahren, die schlichte Eleganz verleiht diesen Booten noch heute eine faszinierende Ausstrahlung. Und dann liegt es ganz an einem selbst, was man aus dem Boot macht. üblicherweise baut Rolf Wefers dieses Boot als offenes Kielboot. Ich glaube die meisten Boote dieses Typs sind auch als solche verkauft worden oder haben zumindest eine Haube. Ich wollte statt einer Haube eine kleine Schlupfkajüte haben, ganz im Stil der 20er-Jahre: flach, schlicht und mit kleinen Bullaugen versehen. Und ganz wichtig: Bullaugen nach vorne raus - wie man dies beim Folkeboot oder den nationalen Kreuzern von einst her kennt. Das Deck sollte aus Lärche und Mahagoni bestehen, eine Holzkombination die zwar aufwendiger zu verarbeiten ist, dafür aber - besonders nach den 22 Schichten öl, die dieses Holz vor Wind und Wetter schützt - sehr edel anzusehen und auf kaum einem anderen Boot anzutreffen ist. Das Cockpit habe ich um einige Zentimeter nach unten versetzen lassen - ich gehöre zu der Gruppe Menschen, die mit 1,96 m Körpergröße über den Durchschnitt liegt. Vorne wurde ein Ankerkasten integriert, im Achterdeck ebenfalls eine öffnung - durch die genau ein Kasten Bier passt. Das Cockpit wurde um etwa 20 cm weiter nach hinten gezogen, die Kajüte dann um etwa 15 cm weiter vorne begonnen. So gewann ich eine Linie, die wohltuend für das Auge ist und gleichzeitig ein wenig Platz in die ohnehin sehr kleine Kajüte bringt. übrigens: Stehhöhe, Toillette und eine Pantry gibt es nicht im Boot - das hier ist etwas für Hardcore-Segler, die gerne an die Grenzen ihrer selbst gehen. Dafür wurde das Boot mit wichtigen Instrumenten ausgestattet: Echolot, Logge und einen elektronischen Windmesser, einen Kompaß - ich will mit dem Boot eben nicht nur auf dem Binnenland segeln, sondern auch an der Küste - eine Dreifarbenlaterne auf dem Top des Mastes und eine kleine elektrische Bilgepumpe, die unter dem Cockpitboden eingebaut wurde. Der Elektroinnenbordmotor mit konventionaler Wellenanlage rundet das ganze ab. Ich entschied mich für den Einbau dieses Motors obwohl das Boot ursprünglich ohne Motor geplant wurde. Nachdem Rolf mir die Außenbordhalterung gezeigt hatte und diese nur an das Boot rangehalten hat, habe ich diese von Bord verbannt. Bei allem Respekt: diese hätte die Linien des Bootes gestört. Der einzigste Motor der jetzt noch passte war eben der kleine aber leistungsstarke (2,4 kW) Elektromotor mit Wellenanlage von der österreichischen Firma Kräutler. Das Unterwasserschiff wurde ganz im Stil der Schärenkreuzer gehalten. Einen langen, spitz zu laufenden Bug, dann beginnt der - bei meinem Boot - extrem lange Kiel (bedingt durch die Verlängerung des Cockpits und der Kajüte). Dafür konnte der Tiefgang von den ursprünglich 1,10 m auf 0,90 m gesenkt werden, da jetzt auch so der nötige Schwerpunkt gehalten werden kann. Direkt hinter dem Kiel folgt das gut dimensionierte Ruderblatt. Es folgt ein sehr lang und flach auslaufendes Heck, welches unter Deck noch genügend Platz für Stauraum bietet. Wenn man ein Boot aus den 20er-Jahren möchte, aber keines Restaurieren sondern neu bauen lassen möchte, dann muß man auch in Sachen Rigg den Stil waren. Ich entschied mich für ein Marconi-Rigg aus Holz. Dieses Rigg stammt aus dieser Zeit, wurde aber schon sehr bald von unserem modernen Bermudarigg abgelöst. Vorteile des Peitschenmast sind: Geschwindigkeit und die Yacht kann mehr Höhe laufen. Extremer Nachteil ist, daß man durch das stark gerundete Vorliek das Großsegel nicht sauber gerefft fahren kann. Mit Sicherheit ein Grund dafür, warum diese Masten nur wenige Jahrzehnte in der Szene gefahren wurden. Der Mast ragt fast 10 m über der Wasseroberfläche und trägt 24 m² Segel. Unter Motor Der Motor ist ein 2,4 kW starker Elektro-Innenbordmotor mit konventioneller Wellenanlage und einem zweiflügeligen Faltpropeller. Nach meiner bisherigen Erfahrung mit Faltpropeller auf diversen Charteryachten hatte ich mir geschworen "nie wieder Falti", aber dies muß ich jetzt einfach revidieren. Wahrscheinlich ist der Faltprop der meisten Charteryachten nicht sauber auf die Motorleistung abgestimmt und schafft daher nur eine schlechte Performance. Pro Tonne Verdrängung rechnet man mit 0,6 bis 1 kW Motorleistung bei Elektromotoren (Palstek Nr. 4/02 Juli/August 2002). Die TOINEN VENE ist bei einer Verdrängung von 0,9 to und einer Motorleistung von 2,4 kW mehr als genug motorisiert. Das merkt man auch bei Manövern unter Maschine. Wie alle Langkieler hat auch die TOINEN VENE in den ersten Sekunden bei Achterausfahrt Probleme. Die Anströmung an dem extrem langen Kiel ist noch nicht da, das Boot setzt mit dem Heck nach Backbord statt achteraus. Sobald aber die Strömung anliegt fährt das Boot auch beim Rückwärtsfahren wie auf Schienen. Katholisches Anlegen - wie am Mittelmeer üblich - ist dann mit diesem Boot kein Problem. Es reagiert, wie bei Vorwärtsfahrt auch, sehr genau auf das Ruder. Die Batterien bieten eine Kapazität von 110 Ah, die Kapazität kann leicht auf 165 Ah erweitert werden. Da ich beim Bau noch nichts über die Leistungen wußte hatte ich diese Erweiterungsmöglichkeit vorbereitet. Nach diesen Erfahrungen bin ich beruhigt darüber, diese Erweiterung nicht nutzen zu müssen. Eingebaut wurden die leichtesten Batterien, die es am Markt gibt: Vetus Marine Batterien. 110 Ah bilden dann ein Gewicht von 56 kg und sollen bei maximalen Speed für eine Stunde Fahrvergnügen reichen. In den ersten zwei Monaten habe ich die Batterien jedenfalls nicht nachladen müssen, muß aber zugeben, daß ich den Motor nur für das Ab- und Anlegen gebrauche. Unter Segel: Der aufregendste Moment kam, als ich zum ersten Mal die Segel gesetzt habe. Auf dem Revier herrschte gerade mal 7 kn Wind, das ist die Grenze zwischen 2 und 3 Bft - also nicht viel. Hinzu kommt, daß durch den niedrigen Wasserstand an diesem Tage einige Teile des Eicher See?s weit unter Landabdeckung lagen. Trotzdem segeln wir los. Direkt nach dem Ablegen unter Motor wird der Bug in den Wind gedreht und das Groß gesetzt. Kurs nehmen und raus in den Wind. Motor aus! Ich habe das Boot für den Anfang mit der Genua II ausgestattet. Das Vorsegel ist nur 1/3 überlappend - bei diesem Wind wäre die Genua I (2/3 überlappend) gar nicht verkehrt. Trotzdem lassen sich die Segelleistungen zeigen. Da ich das Boot auch Einhand segeln möchte, dürfen die Fockshotblöcke nicht an ihrem Standardplatz montiert werden, sondern müssen weiter nach achtern versetzt werden. Hier muß erst einmal ein geeigneter Platz gefunden werden. Daher sind die Fockschotblöcke - ich entschied mich für Knarrblöcke - noch nicht montiert; die Genuaschoten müssen aus der Hand gefahren werden. Die Genua wird mittels Rollreffanlage gesetzt. Zuerst der Vorm-Wind-Kurs. Rolf sagte mir bereits, daß ich auf diesem Kurs mit diesem Boot keinen Spaß haben werde - und er hat Recht behalten. Ich brauche unbedingt einen Spi oder Blister um auf diesem Kurs mit Speed vorwärts zu kommen. Also luve ich an und "kreuze" Vorm-Wind jeweils mit Halbwindkurs. Das Boot macht leicht Lage und zieht in der leichten Brise ab. Man merkt sofort: es ist ein Boot für Am-Wind-Kurse - eben doch eine Rennziege. Also noch mehr anluven und ausprobieren wie hoch ich an den Wind gehen kann. Und dann die Verblüffung: 20 Grad am Wind - die Entscheidung für die Kombination aus gemäßigten Langkiel und Peitschenmast erweist sich als gut - 25 Grad Lage (wohlgemerkt bei 7 kn Wind) und ein Maximum-Speed von 4,3 kn - durchschnittlich segelten wir mit 3,2 kn. Wahnsinnswerte für ein Boot, von dem Rolf behauptet: " Die Segeleigenschaften werden nicht so gut sein wie bei den anderen RW 26-ern, da Du soviel Scheiss einbauen wolltest!". Mit Scheiss meint Rolf: Motor, Logge, Lot usw.. Also muß ich ihm jetzt diese Werte erst einmal mitteilen. Die Genuaschoten reißen derart an meinem Armen, daß ich über das sauber gearbeitet Deck durch die Schot nach vorne gezogen werde. Ich muß nicht nur die Pinne gut festhalten sondern auch meine Füße verkeilen, damit ich nicht den Platz am Steuer unfreiwillig verlasse. Die Scheuerlesite in Lee liegt schon komplett im Wasser, der Hosenboden ist naß. Ich segel die TOINEN VENE gerade in Lee und bin wahnsinnig begeistert. Wende! Auch auf dem anderen Bug der gleiche Segelspaß. Wende! Und wieder: Wende! Das Boot liegt ausgesprochen ruhig und ausgeglichen auf dem Ruder. Schon die kleinste Ruderbewegung läßt das Boot reagieren. Eine Wende fährt man dann trotz des Handicaps mit der manuellen Schotführung innerhalb von 4 Sekunden. Auch unter Landabdeckung greift noch Wind etwa 3 Meter oberhalb der Wasserlinie in das große Segel und schiebt die TOINEN VENE noch mit etwa 1,5 kn Fahrt vorwärts. Der Wind schläft fast komplett ein: Wir beenden unseren ersten Segelschlag und freuen uns auf den nächsten. Fazit: Die hier beschriebene RW 26 ist ein Rasseschiff. Sie verkörpert den Glanz der 20er-Jahre mit all ihrer schlichten Eleganz. Sie ist ein gutmütiges und schnelles Schiff und braucht daher keinen Vergleich im Wettkampf zu scheuen. Die Verarbeitung ist gut, die Rumpfschale makellos. Das Rigg ist komplett aus Holz gefertigt und bietet leichten Lauf der Fallen. Auch die Nutführung am Mast, in der das Vorliek eingeschert wird, ist leichtläufig. Nachteilig wirkte sich aus, daß die Nut an der Baumnock bei extremer Belastung dieser nicht standhielt und ausriss. Nach Rücksprache mit Rolf wurde diese wieder verleimt und durch einen Beschlag verstärkt. Damit dürfte das Problem behoben worden sein. Die RW 26 ist ein Boot welches man auch alleine segeln kann. Es fehlen überflüssige Leinen, so daß man leicht den überblick behält. Auch Ab- und Anlegemanöver fahren sich unter Maschine sehr gut alleine. Dennoch muß klar sein, daß die RW 26 trotz aller Gutmütigkeit ein Arbeitsboot ist. Durch den ranken Rumpf schafft sie sehr schnell Lage - ein Reffen der Segel wird dann bei mehr Wind erforderlich. Bei Lage spürt man eine leichte Luvgierigkeit, welches aber gut und gewollt ist. Man muß nur leichtes Gegenruder legen um das Boot auf Kurs zu halten. Die RW 26 ist ein Boot für den sportlich ambitionierten Segler, der sich von der breiten Masse der GFK-Schalen absetzen möchte und gleichzeitig auf Luxus unter Deck verzichten kann. Dieser bekommt ein Boot von unschätzbarem Wert. Jörg Lott |
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